Aller Anfang ist schwer – Die ersten 500 Wörter meines Romans

Seelenkrieg – ein biographischer Roman

Prolog

An einem warmen sommerlichen Montag im Juni 1934 erblickte ich in Königsberg das Licht der Welt. Ein unschuldiger Säugling, der nichts von der einen Tag vorher gehaltenen Marburger Rede mitbekam, die schließlich ausschlaggebend für den wenige Wochen später folgenden Röhm-Putsch sein sollte. Meine Welt war zu dieser Zeit in Ordnung, hatte ich doch meine Mutter bei mir und somit immer ausreichend Essen und Zuneigung in unmittelbarer Nähe. Ich wusste nichts von Krieg oder Hitler und konnte mir nicht einmal im Entferntesten vorstellen, wie aufregend und teilweise dramatisch mein weiteres Leben verlaufen würde.

Damals war es nicht üblich im Krankenhaus zu entbinden und so fand die – wie meine Mutter auch Jahre später immer wieder betonte – schwere Geburt in unserer Drei-Zimmer-Wohnung am Oberhaberberg statt. Ich erinnere mich dunkel an das Gesicht meines Vaters, der mich stolz und überglücklich in seinen Armen hielt und mit feuchten Augen ansah.

Getauft wurde ich auf den Namen Brigitte Elisabeth. Ich glaube, der zweite Name hatte etwas mit meiner Großmutter zu tun. Glaubt mir, ich mag ihn bis heute nicht, mit Brigitte allerdings habe ich mich mittlerweile angefreundet, auch wenn ich mich als Kind aus verschiedenen Gründen etwas schwer damit getan habe. Aber, dazu später mehr.

Soweit ich mich erinnern kann, waren wir zu der Zeit eine glückliche kleine Familie. Wir wohnten in einer hellen großzügigen Drei-Zimmer-Wohnung eines sehr gepflegten Hauses, welches höherrangigen Soldaten vorbehalten war. Diese gehörte zu einem größeren Gebäudekomplex mit einem üppig begrünten Innenhof, in dem sich die Mütter tagsüber auf um Sandkisten angeordneten Bänken trafen, um ihren Kindern beim Spielen zuzusehen.

Als Oberfeldwebel der Wehrmacht verbrachte er die Tage in der Kaserne. Abends kam er nach Hause und nach dem Essen spielte er mit mir oder las aus einem Buch vor. Ich war ein eher ruhiges zurückhaltendes Kind, hatte aber dennoch viel Lebensfreude und oftmals fiel mir das Stillsitzen schwer. Bei unserem allabendlichen Ritual jedoch, konnte ich stundenlang auf seinem Schoß sitzen und mich an ihn kuscheln.

Meine Mutter war eine gutaussehende sehr gepflegte Frau, die gerne den Rang ihres Mannes zur Schau stellte. Wenn wir sonntags bei sonnigem Wetter durch die alt ehrwürdige Innenstadt Königsbergs spazierten, wurden meine Eltern, oder eher gesagt mein Vater, freundlich und leicht ehrfürchtig gegrüßt. Wir verkörperten das Bild einer perfekten Familie der dreißiger Jahre.

Als ich dreieinhalb Jahre alt war, kam mein Bruder Jürgen zur Welt. Er war ein süßes dickes Baby mit wahnsinnig ausgeprägten O-Beinen. Alles an ihm habe ich als flauschig und weich empfunden. Und, obwohl ich ihn von Anfang an abgöttisch geliebt habe, wurde mir doch schnell klar, dass von nun an er der ganze Stolz meiner Mutter war. Eigentlich hätte er einen Vornamen gar nicht benötigt, denn von Beginn an wurde er nur liebevoll Sohni genannt und, obwohl er fast den ganzen Tag schlief, von morgens bis abends betütelt. Ich hingegen musste mir ein Bein ausreißen, um zumindest für kurze Augenblicke die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu erhaschen.

 

Mein Vater war anders, er teilte seine Liebe zwischen uns Kindern auf. Keines wurde benachteiligt. Nach wie vor wurde ich auf seinen Knien geschaukelt, während er mir Geschichten erzählte oder aus Büchern vorlas. Manchmal hatte er Jürgen im Arm und mich auf seinem Schoß. Dann lauschten wir beide andächtig seinen spannenden Erzählungen bis wir einschliefen.

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